Die kleinste Panne kann zur Katastrophe führen

Wenn es im Kernkraftwerk Cattenom in Lothringen zu einem atomaren Zwischenfall kommt, sind mehr Menschen gefährdet als in jedem anderen französischen Atomkraftwerk. Daher ist die Anlage an der französischen Obermosel riskanter als alle anderen.  Der Sparzwang ist schuld an der Pannenserie in französischen Atomanlagen.

Die Pannenserie an französischen Atomanlagen überrascht überhaupt nicht. Es passieren jedes Jahr in Frankreich zwischen 10 000 und 12 000 Zwischenfälle, von denen zwischen 600 und 800 als „signifikant“ eingestuft werden, Tendenz steigend.  Es liegt an der Liberalisierung des europäischen Strommarktes, der hat zu einer drastischen Sparpolitik geführt. Der frühere Präsident des staatlichen französischen Stromkonzerns EDF, seit 2005 nicht mehr Staatlich, hatte als Vorgabe eine allgemeine Kostensenkung von 30 Prozent in fünf Jahren angekündigt. Da musste überall gespart werden. Beim Betreiber der Brennstoff-Fabriken und Dekontaminierungsunternehmen ist die Situation nicht viel anders. Außerdem haben beide Betreiber gemeinsam, dass sie ein gewaltiges Nachwuchsproblem haben. Allein bei EDF gehen 40 Prozent des Betriebs- und Wartungspersonals bis 2015 in Rente. Es gibt Hinweise dass diese durch Zeit- und Leiharbeiter ersetzt werden sollen. Über die Sicherheit der Anlage und die Größe der Gefahr lässt sich sagen, dass ein schwerer Unfall mit weit reichenden radiologischen Folgen, immer mehr, absolut nicht auszuschließen ist. Die Häufigkeit der Störfälle in jüngster Zeit lassen hierbei größte bedenken wachsen.

Das AKW Cattenom gehört zu der Kategorie der 1300-Megawatt-Reaktoren, von denen insgesamt 20 in Frankreich betrieben werden. Auch hier ist ein schwerer Unfall nie 100-prozentig auszuschließen. Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied zu anderen Standorten, und das ist die hohe Bevölkerungsdichte, im Umkreis von 100 KM 1.000.000 Menschen, im Fall Cattenom. Der erste Chef der französischen Atomaufsichtsbehörde trat aus Protest gegen die Wahl des Standortes zurück, und auch der zweite schrieb an sein Ministerium, Cattenom habe „besonders im Hinblick auf die Verteilung der Bevölkerung erheblich schlechtere Merkmale“ als die meisten anderen Atomstandorte. Es gibt ein großes Problem in der Bewertung des Schweregrades von Zwischenfällen. Die französische Atomindustrie und ihre Aufsichtsbehörde haben eine Bewertungsskala von eins bis sieben erfunden, die den Schweregrad von Ereignissen widerspiegeln soll.  Es handelt sich ausschließlich um eine „Kommunikationsskala“, die keineswegs das Risiko für Mensch und Umwelt einordnet. Schrammt man haarscharf an einer großen Katastrophe vorbei, ohne dass es zu Freisetzung von Radioaktivität kommt, so reicht es zum Beispiel nur zu einem Level zwei. Der Unfall in Tricastin, wo mehrere Dutzend Kilogramm Uran in die Umwelt freigesetzt wurden, drei Gemeinden eine absolute Trinkwassersperre hatten und offensichtlich ein weiteres Leck übersehen wurde, ist nur als Level eins eingestuft worden. Wie sieht dann bitte Level vier aus? In der Datenbank der Atomaufsichtsbehörde werden für Cattenom in den 20 Jahren zwischen 1986 und 2006 insgesamt 710 „signifikante“ Zwischenfälle und Unfälle geführt.

Der größte Mangel in Frankreich ist das atemberaubende Defizit an unabhängigen Experten und einer gut informierten Presse. Die Atompolitik wird in Frankreich nicht von der Politik, sondern von einer Technokraten-Elite entwickelt, angewandt und beaufsichtigt, die jenseits demokratischer Kontrolle operiert. Eine offene kontroverse Debatte, deren Ausgang offen ist, wird nicht geführt. Alle Debatten, ob in Parlament oder Öffentlichkeit, haben nur einen Make-up-Charakter.
Und nach all diesem Wird ab 2011 Cattenom noch mal Aufgestockt mit der Gefahr!


Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat der französische Stromkonzern Electricité de France (EDF) im Frühjahr 2009 bei der Atomaufsicht beantragt, in seinen 1300-MW-Reaktoren neue Kernbrennstoffe einsetzen zu dürfen. Zum 1300-MW-Atompark gehören auch die vier Reaktoren am Standort Cattenom im Dreiländereck SaarLorLux.
Die „Autorité de sûreté nucléaire“, die französische Atomaufsichtsbehörde, hat zwischenzeitlich dem Antrag stattgegeben und Anfang Dezember 2009 – nach Rücksprache mit EDF – einige Auflagen für den Betrieb mit dem neuen Nuklearmaterial erteilt.
Der neuartige Kernbrennstoff zeichnet sich durch einen wesentlich höheren Anteil an spaltbarem Uran-235 aus. Werden in den meisten Druckwasserreaktoren Brennstäbe eingesetzt, deren Uran-235-Anteil auf 3-4 % angereichert wurde, so sollen künftig an mindestens acht französischen Kraftwerksstandorten die neuartigen Brennstoffe mit 4,5 % Spaltmaterial zum Einsatz kommen. Bei EDF spricht man von Kernbrennstoffen „HTC“ (Haut Taux de Combustion = mit hoher Abbrandrate): Ihr „Abbrand“ – ein Maß für die energetische Nutzbarkeit des Brennstoffs – wird auf durchschnittlich 60 GWd/t (Gigawatt-Tage pro Tonne) geschätzt. Der herkömmliche Brennstoff bringt es bislang auf 40-50 GWd/t.
Mit dem schrittweisen Umstieg auf die neuen Kernbrennstoffe geht auch eine veränderte Reaktorführung einher. Das mit dem Kürzel „Galice“ (1) bezeichnete Verfahren geht von einem flexibleren Brennstoffeinsatz und längeren Zeitintervallen zwischen dem Wechsel der Brennelemente aus. Wurden bei dem derzeitigen Verfahren „Gemmes“ die 1.300-MW-Reaktoren nach 18 Monaten zum Brennelementwechsel abgeschaltet, so soll das Verfahren „Galice“ Intervalle bis zu 21 Monaten ermöglichen.
Die Einführung des neuen Brennstoffs und die geänderte Reaktorführung sind rein betriebswirtschaftlich begründet: Die längeren Intervalle zwischen dem Wechsel der Brennelemente vermeiden die langen Phasen des Stillstands der Reaktoren, erhöhen ihren Auslastungsgrad und senken die Arbeitskosten. Darüber hinaus erhofft sich EDF, Entsorgungs- und Transportkosten zur Wiederaufbereitungsanlage einzusparen, da mit weniger abgebrannten Brennelementen zu rechnen sei.
Dass die Einführung des HTC-Brennstoffs aber auf Kosten der Reaktorsicherheit und der Umweltqualität gehen kann, wird von den Kraftwerksbetreibern gerne verschwiegen. Entsprechende ernsthafte Bedenken wurden für Cattenom bereits im Rahmen des letzten Genehmigungsverfahrens für radioaktive Ableitungen im Jahr 2003 laut. Dort hatte EDF im Vorgriff auf die Einführung von HTC und „Galice“ eine Anhebung der Grenzwerte für das radioaktive Wasserstoffisotop Tritium im Abwasser beantragt. Schon im aktuellen Reaktorbetrieb stellt Tritium eine ärgerliche Begleiterscheinung dar. Die realen Tritium-Emissionen, die in die Mosel abgegeben werden, reichen bis nah an den genehmigten Grenzwert heran und können – laut EDF – nicht zurückgehalten werden. Im Genehmigungsverfahren 2003 hat EDF darüber hinaus erreicht, dass im Modus „Galice“ statt der bislang erlaubten 40 TBq pro Reaktor und Jahr Spitzen bis zu 130 TBq (über drei Jahre gemittelt) zulässig sind.
Neben dem Aspekt zusätzlich zu erwartender radioaktiver Umweltbelastungen sind bei „Galice“ auch Bedenken hinsichtlich der Reaktorsicherheit angebracht. Nicht zu Unrecht wies der unabhängige Informationsdienst WISE-Paris schon 2003 darauf hin, dass die Einführung von „Galice“ vergleichbare Probleme wie die Einführung des Modus „Gemmes“ ab dem Jahr 1996 mit sich bringen könnte. „Gemmes“, mit dem das Brennstoffwechsel-Intervall von 12 auf 18 Monate getrieben wurde, wird für das Phänomen des sog. Fretting verantwortlich gemacht: Vibrationserscheinungen im Reaktorkern, die serienmäßig in nahezu allen 1.300-MW-Reaktoren zur Beschädigung von Brennstäben und zur Kontamination des Primärkreislaufs führten. „Galice“ steht nun im Verdacht – angesichts der längeren Verweilzeiten der Brennelemente im Reaktor – diese Erfahrung zu verstärken.

Die EDF können uns nicht beweisen, dass Cattenom nicht zum Experimentierfeld für neue Brennstoffe und Betriebsmethoden werden soll, und wir werden nicht zu Gunsten der Gewinnmaximierung auf unser Grund-Recht der Gesundheit und Körperlichen Unversehrtheit verzichten.

Das tun wir nicht; und deshalb; Abschalten!!!

(1) Das Kürzel „Galice“ steht für „Gestion avec Augmentation Limitée de l’Irradiation pour les Combustibles en Exploitation“ (Reaktorführung mit beschränkt erhöhter Bestrahlung des eingesetzten Brennstoffs)

Stephanie Nabinger

www.cattenom-abschalten.de

Ein Gedanke zu „Die kleinste Panne kann zur Katastrophe führen

  1. Es geht den Energiekonzernen immer nur um ihr Einkommen. Sie denken nie an unsere Umwelt, Hauptsache sie haben ihr Geld. Im Moment sprechen die Energiekonzerne davon, dass nicht genügend Energie produziert würde ohne die Atomenergie, aber das ist wieder nur eine der vielen Ausreden um den Ausstieg aus der Atomkraft zu verhindern. Auch die Bundesregierung möchte den Kraftwerksbetreibern entgegenkommen, indem sie den Kraftwerkbetreibern erlaubt, die Stromkontingente der 7 Atomkraftwerke, die ab sofort ausgeschaltet werden sollen, auf neuere Kraftwerke zu überschreiben. Ich finde die großen Firmen und die Politiker sollten nicht nur auf ihren Profit achten, sondern mehr auf die Umwelt. Ich werde mich auch weiterhin gegen die Atomkraft einsetzen.

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